Selezione di testi critici
19 giugno 2005
Ludwig Museum Schloss Oberhausen
Dr. Antje Vollmer
Vizepräsidentin des deutschen Bundestages
„Dass Kunst so mächtig ist, einen Vorgang, den sie zum Thema hat, nochmals hervorzurufen.....
Auszug aus der Rede zur Ausstellungseröffnung „Gottfried Helnwein - Beautiful Children“ im Ludwig Museum Schloss Oberhausen, am 19. Juni 2005
...Bei diesem ersten Besuch habe ich erkannt, dass dieses nur ein Teil von einem Versuch ist, ein Gesamtkunstwerk als Künstler zu schaffen, das nichts ausblendet, nicht die Schönheit der Welt, von Landschaften, von menschlichen Gesichtern, von der Offenheit und Reinheit menschlicher Wesen, bis zum Zauber der selbst von Kindern ausgehen kann, die Gottfried Helnwein immer „diese zarten Geschöpfe“ nennt. Immer ist es eine Art von Vorsicht und außerordentlich großer Sensibilität, die gleichzeitig gekoppelt und kontrastiert wird mit diesem unglaublich intensiven Ausdruck von Schmerz, Verletzung, Zerstörung, Bedrohung, Alptraum, Nachtgesichtern, und Traumfantasie. Diese Mischung, das ist Gottfried Helnwein, er war nie nur das eine. Dass er bei dem Allem auch außerordentlich politisch ist, das möchte ich gerade bei so vielen Künstlern, die heute ein Programm der reinen Spaßkultur verkörpern, audrücklich lobend erwähnen. Dass es jemanden gibt, der sich als politisches Wesen in seinen Bildern äußert und damit auch politische Wirkungen erzeugt. Die Gegenstände dieser Kunst sind nicht besonders einfache , schöne, gefällige. Sie haben sehr viel Heftigkeit in den Reaktionen erzeugt. Das gehört dazu, wenn man ein politischer Künstler ist. Wer gefällt der lügt. Das größte Verbrechen eines Künstlers ist, wenn er sich der Lüge, der Gefälligkeit aussetzen würde.
Ich kenne Gottfried Helnwein und bin stolz darauf, seit 20 Jahren mit ihm befreundet zu sein. Als ich ihn das erstemal besucht habe, bin ich schon dieser eigenen Verstörung aber auch Faszination dieser Bilder gefolgt.
Damals kannte ich vor allen Dingen die Selbstporträts von Gottfried Helnwein, diesen Schrei. Er machte sich selbst zum Material des eigenen Werkes, in einer Ausgesetztheit in einer Selbstverletzung aber auch in einem Ausdruck an Verzweiflung über die Welt und das was die Menschen ihr zufügen können.
Bei diesem ersten Besuch habe ich erkannt, dass dieses nur ein Teil von einem Versuch ist, ein Gesamtkunstwerk als Künstler zu schaffen, das nichts ausblendet, nicht die Schönheit der Welt, von Landschaften, von menschlichen Gesichtern, von der Offenheit und Reinheit menschlicher Wesen, bis zum Zauber der selbst von Kindern ausgehen kann, die Gottfried Helnwein immer „diese zarten Geschöpfe“ nennt. Immer ist es eine Art von Vorsicht und außerordentlich großer Sensibilität, die gleichzeitig gekoppelt und kontrastiert wird mit diesem unglaublich intensiven Ausdruck von Schmerz, Verletzung, Zerstörung, Bedrohung, Alptraum, Nachtgesichtern, und Traumfantasie. Diese Mischung, das ist Gottfried Helnwein, er war nie nur das eine.
Dass er bei dem Allem auch außerordentlich politisch ist, das möchte ich gerade bei so vielen Künstlern, die heute ein Programm der reinen Spaßkultur verkörpern, audrücklich lobend erwähnen. Dass es jemanden gibt, der sich als politisches Wesen in seinen Bildern äußert und damit auch politische Wirkungen erzeugt. Die Gegenstände dieser Kunst sind nicht besonders einfache , schöne, gefällige. Sie haben sehr viel Heftigkeit in den Reaktionen erzeugt. Das gehört dazu, wenn man ein politischer Künstler ist. Wer gefällt der lügt. Das größte Verbrechen eines Künstlers ist, wenn er sich der Lüge, der Gefälligkeit aussetzen würde.
Gottfried Helnwein ist Wiener, das ist fast das Gegenteil von Österreicher. Er kann sich gut ausdrücken. Das kommt aus dem Wienerischen, aus diesem Subtilen aus diesem leicht zynisch Skurrilen und diesem fantastischen Realismus, der ja eigentlich so fantastisch er ist, nur eine Verschärfung eines außerordentlich präzisen Realitätssinns ist. Schon in dieser Wienerzeit, die er in seinen Anfängen als sehr grau beschreibt, begegnete ihm plötzlich wie eine Sensation das erste von seinem Vater mitgebrachte Comicheft. Auf einmal war da das Versprechen einer ganzen Welt, in dem Fall einer Welt von Comic, einer Welt von Farbe. Das wirkliche Leben findet anderswo statt. Dieser Wiener Hindergrund war die erste Plattform für seine großen Auseinandersetzungen. Sie waren nie im Zeitgeist. Von daher ist Gottfried Helnwein kein Achtundsechziger, weil das uniformierte von achtundsechzig ihn immer gelangweilt hat.
Trotzdem, gerade deswegen, war er einer der Künstler, die die erste große Provokation erzeugt haben. Als er die Worte eines ehemaligen NS Arztes, der brutal nüchtern gesagt hatte „man habe doch bei den Experimenten mit Kindern, das auf eine sehr schnelle humane Weise erledigt, indem man ihnen das Gift nicht gespritzt, sondern ins Essen gemischt habe“, genau diesen Satz, der damals in Wien gar keine große Aufregung erzeugt hat, diesen Satz hat er in ein Bild gemalt, in dem ein Kind über einem Teller mit eben diesem Gift zusammensackt. Dieses Bild hat eine unglaubliche Debatte und Erregung erzeugt. Das politsche von Gottfried Helwein ist nicht das Debattieren, sondern das politsche ist ein Bild in den Raum zu stellen und zu warten was passiert. Wenn dieses Bild genau trifft, dann trifft es so den Nerv, dass Skandale entstehen, die man nicht plant, sondern die in den Menschen eigentlich schon vorhanden waren.
Genau dasselbe passierte bei der Installation „Neunter November Nacht“. Menschen fangen bei diesen Bildern mit dem Wort „Selektion“ an, auf einmal zu sehen, wie sie selber selektieren, wie sie ein Bild nach dem andern prüfen. Sie sehen: das eine Kind war dunkelhäutig, das andere war weiß, das andere Kind war vielleicht ein behindertes Kind. Also, ich selektiere. Das löst natürlich einen großen Schreck aus. Sie halten nicht aus, dass sie selektieren und protestieren dagegen, in dem sie selber zum Täter werden. Dass die Kunst so mächtig ist, den Vorgang den sie zum Thema hat noch einmal wieder hervorzurufen, dass eine öffentliche Debatte entsteht die richtig weh tut, das gehört zu dem politischen Künstler Gottfried Helnwein. Er hat sehr viel zu sagen, in dem er es nicht sagt, sondern indem es als Reaktion auf seine Bilder entsteht.
Von diesen Bildern haben Sie eine unglaublich gute Auswahl in der Ausstellung. Viele Bilder kannte ich, es sind auch viele neue dabei. Stellen Sie sich davor und lassen Sie das, was ihr eigener Beitrag als Zuschauer zu diesem Kunstwerk ist, zu. Sie werden sehr erstaunt sein. Das gehört immer zu dem, warum so viele Debatten um Gottfried Helnwein entstanden sind. Es kommt ja nicht nur das Schöne, es kommt auch das Dunkle. Das ist eine der Urfunktionen von Kunst: einen Raum zu schaffen, in dem man sich dieser Dinge gewiss sein kann und in dem am Ende doch so etwas wie Läuterung passiert. Das ist eine ähnliche Funktion die früher das Heilige oder die heilige Szene oder auch das heilige Ritual hatte. Das erklärt auch warum Gottfried Helnwein so oft scheinbare Blasphemie betreibt, in dem er heilige Szenen, die Darstellung des Kindes, die Madonna oder auch die großen heiligen Ikonen, die Stars unserer Zeit, an denen sich so viel öffentliches Bewusstsein kristallisiert, zum Thema macht. Er weiß, dass die Übereinkunft dass etwas heilig ist, dass dieser ein großer Star ist, ein großer Mensch oder auch ein großer Verbrecher, dass in all dem sich eine ganze Gesellschaft ausdrückt. Eine Gesellschaft, die sich ihrer selbst gewiss wird, vor sich selber Angst hat, vor sich selber erschreckt. Wenn man aber durch diesen Prozess geht, dann kommt man auf so etwas wie Mitgefühl, weil man nicht mehr unberührt ist.
Vor allem natürlich nicht unberührt von diesen wunderbaren Kinderbildern, die alle etwas unglaublich Zerbrechliches haben, eben zarte Geschöpfe. Ich weiß, dass Margot Kläßmann, die Bischhöffin die neulich den Kirchentag eröffnet hat, genau dieses gemeint hat, als sie sagte, wenn sie das Motto des Kirchentages „wenn dein Kind dich morgen fragen wird“ bebildern würde, dann würde sie das mit den Bildern von Gottfried Helnwein tun. Weil man hier am meisten Mitgefühl für die bedrohte Zukunft dieser zarten Geschöpfe erfährt. Ich freue mich, dass das jetzt endlich hier stattfindet.
Dr. Antje Vollmer, Vice-speaker of German Parliament
2005




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